Und plötzlich war ich Working Mum.

Bevor ich Kinder bekommen habe, hatte ich eine genaue Vorstellung, wie mein Berufsleben mit Kindern aussehen wird. Mein Mann verdient nicht schlecht und wir sind dankbarerweise nicht auf zwei volle Gehälter angewiesen. Also würde ich die Kinder vormittags in die Kita geben und parallel dazu würde ich für ein paar Stunden einen entspannten, stressfreien Traumjob ausüben. Vielleicht in irgendeiner stylischen Boutique oder ein einfacher Bürojob. Nicht zu anspruchsvoll, denn meine Kinder und der Haushalt beanspruchen mich sicher genug. Guter Plan, wie ich fand.

Meine Kids sind 21 Monate auseinander. Also habe ich zwischen den Kindern nicht gearbeitet. Ich habe gleich zwei Jahre Elternzeit beantragt.

Es ist jetzt ziemlich genau drei Jahre her, da ist es passierte:

mir ist die Decke auf den Kopf gefallen – und zwar mit voller Wucht. Gepaart mit der felsenfesten Überzeugung, dass mein Gehirn schrumpft. In meinem Kopf ging es nur noch um Kinder und Haushalt. Der geistige Anspruch der letzten drei Jahre war auf dem Niveau der kleinen Raupe Nimmersatt. Wann habe ich das letzte Mal einen Artikel im Spiegel oder der FAZ gelesen? Wann habe ich das letzte Mal ein Konzept ausgearbeitet, das nichts mit Kindergeburtstagen zu tun hatte? Wann habe ich das letzte Mal ein Gespräch geführt, dass nichts mit dem Thema Kinder zu tun hat?

Ein Job musste her, und zwar schnell! Und zwar einer, der die Schrumpfung meines Gehirns aufhält! Also ab in die Jobbörsen… das kann doch nicht so schwer sein…

Ich habe BWL studiert und vor den Kindern im Marketing gearbeitet. In den alten Job konnte ich nicht zurück, weil wir mittlerweile umgezogen sind. Die Öffnungszeiten des Kindergartens sind leider noch old school… 8 bis 13 Uhr und nochmal zwei Nachmittage à 3 Stunden.

Jetzt finde mal einen anspruchsvollen Teilzeitjob im Marketing, der mit diesen Öffnungszeiten vereinbar ist. Als zweifache Mutter Mitte Dreißig, bei der nicht klar ist, ob sie nicht gleich das dritte Kind bekommt. In einem Radius, der mir erlaubt innerhalb kurzer Zeit ein kotzendes Kind aus der Kita zu holen. Idealerweise in einer Firma, mit der man sich einigermaßen identifizieren kann.

Es hat vier Monate gedauert. Vier Monate, in denen ich erstmal den Spiegel abonniert habe. In denen ich mich auf jede in Frage kommende Stelle beworben habe (ich glaube es waren sieben an der Zahl). In denen ich große Selbstzweifel hatte, ob ich je wieder einen Job bekommen würde, der mich so ausfüllt und mir so Spaß macht, wie vor den Kindern. Vier Monate, in denen ich mich ausgiebig in der Theorie damit beschäftigt hatte, wie es wohl so ist als „Working Mum“…

Und ich kann euch sagen, es ist anders als in der Theorie…

Letztlich habe ich einen Job gefunden. 20 Stunden, 20 km von der Kita entfernt, mit einigermaßen anspruchsvollen Aufgaben und einem Produkt, dass ungefähr so sexy ist wie Dichtungsringe für Klospülungen… Na gut, den perfekten Job gibt es eben nicht…

Und das erste, was ich als Working Mum lernen musste, war das ständige schlechte Gewissen. Und zwar ein völlig ungerechtfertigtes schlechtes Gewissen, das war mir schon klar.
Beide Kinder sind liebevoll betreut und zweimal in der Woche ist die Oma da, die beide abgöttisch liebt und in Erziehungsfragen mit uns auf einer Linie ist. Ich tue endlich wieder was für mich und zwar genau das, was mich auch in meiner Rolle als Mutter entspannter macht. Ich verdiene wieder mein eigenes Geld und könnte ohne schlechtes Gewissen für mich shoppen gehen. Ich erweitere meinen Horizont und rette mein Gehirn, um meinen Kindern auch intellektuell etwas zu bieten. Und trotzdem: ich hatte ein permanentes schlechtes Gewissen und konnte mir nicht erklären, warum? Ich habe sogar Magenschmerzen bekommen davon.

Es hat Monate gedauert, bis ich festgestellt habe, dass meine Kinder mit der Situation absolut kein Problem haben. Auch wenn ich nicht permanent in ihrer Nähe bin, entwickeln sie sich trotzdem prächtig. Und die unterschiedlichen Bezugspersonen machen ihnen überhaupt nichts aus. Im Gegenteil, diese Tatsache ist sogar bereichernd. Denn jede Person inspiriert die Kinder anders, jede hat andere Ideen und fordert und fördert sie anders. Letztlich profitieren alle davon. Und nicht zuletzt die Haushaltskasse…

Insofern habe ich diesen Schritt nie bereut. Im Gegenteil: ich kann ihn nur jeder Mutter empfehlen. Und so viel sei gesagt: das schlechte Gewissen ist auch bei mir nie ganz verschwunden, aber es wird besser …

Herzlichst,
Eure Andrea

 

Wie ergeht es euch mit dem Gewissen? Plagt es euch auch so oder schon nicht mehr?

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3 Kommentare zu „Und plötzlich war ich Working Mum.

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