Die Lüge von der Vereinbarkeit?

Ist es nun heute einfacher, Familie und Beruf zu vereinbaren, oder nicht?

Ich habe mir viele Gedanken gemacht zu dieser These und auch mit vielen Frauen darüber diskutiert. Meine persönliche Antwort auf diese Frage ist ein eindeutiges Jein.

Die Wirtschaftswoche hat vor einiger Zeit einen Beitrag zu diesem Thema veröffentlicht, in dem viele Facetten dargestellt wurden.
Meiner Meinung nach ist dieses Thema so unglaublich vielschichtig, dass es keine eindeutige Antwort auf diese Frage geben kann. Zum einen hängt das von den Ansprüchen und Vorstellungen jedes einzelnen ab. Man sollte aber auch einen Blick in die Vergangenheit werfen, in der es zu einigen Zeiten deutlich schwieriger war, Familie und Beruf zu vereinbaren. Es gab aber auch Zeiten, in denen es deutlich einfacher war. Nehmen wir nur die Zeiten, in denen ganze Generationen in einem Haus mit der Erziehung der Kinder betreut waren und die Eltern arbeiten gehen konnten.
Dann ist es sicherlich auch von Arbeitgeber zu Arbeitgeber verschieden. Und auch die jeweils unterschiedliche Flexibilität der Berufe der Eltern ist ein Faktor, der individuell ausschlaggebend ist, wie diese Vereinbarkeit in einer Familie umzusetzen ist oder eben nicht.

In unserer Familie sehe ich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf relativ weit fortgeschritten. Dennoch gibt es auch hier noch „room for improvement“, der allerdings von viele Faktoren abhängt, die mehr oder weniger von uns beeinflussbar sind.

Nehmen wir die Arbeitszeiten.
Mein Mann arbeitet Vollzeit, ich 30 Stunden. Mehr ist im Moment nicht drin, weil die Betreuungszeiten in unserem Kindergarten nicht mehr hergeben und ich die Kinder nicht noch mehr Stunden fremdbetreuen lassen möchte. Insofern könnte ich nur dann Vollzeit arbeiten, wenn mein Mann seine Stunden reduzieren würde. Nun sprechen aber zwei Gründe dagegen: 1. mein Mann hat vor einem halben Jahr eine neue Stelle angefangen. Jetzt schon um eine Reduzierung seiner Stunden zu bitten, wäre ein falsches Signal. 2. mein Mann verdient mehr als ich. Eine andere Verteilung unserer Arbeitszeit würde unserem Familienkonto also eher schaden.

Wie sieht es mit den Karrierechancen aus?
Ich habe vor 9 Monaten die Teamleitung unseres MarCom-Teams übernommen (ja, ich bin auch so ne Marketing-Tussi). Trotz Teilzeit. Trotz zwei kleiner Kinder zu Hause. Wir haben zu Hause diesen Schritt gründlich durchdiskutiert. Neben einer Stundenerhöhung von 25 auf 30 Stunden bringt diese Rolle nicht nur eine größere Verantwortung mit sich, sondern auch die notwendige Flexibilität auch außerhalb meiner regulären Arbeitszeiten erreichbar zu sein. Dank unseres Netzwerks ist mir das bisher gut gelungen. Und außerdem, wann bekommt man so eine Chance wieder?

Wie sieht es mit sozialen Kontakten aus?
Hier haben wir sicher beide Abstriche machen müssen. Vor den Kindern waren wir oft abends unterwegs oder haben spontan Freunde in der ganzen Republik besucht. Ob das anders wäre, wenn einer von uns nicht arbeiten würde, kann ich nicht sagen.
Was sich aber deutlich geändert hat, sind die sozialen Kontakte tagsüber. War ich in den ersten Jahren mit Kindern nahezu täglich auf Spielplätzen und habe Mamis im Café getroffen, sind an diese Stelle die sozialen Kontakte im Büro getreten. Einerseits schade, diese Mami-Freundinnen kaum noch zu sehen. Andererseits auch toll, mit Kollegen über andere Themen als nur die Kinder sprechen zu können. Eindeutig eine Horizonterweiterung!

Der Haushalt – das leidige Thema.
Hier bin ich eine eindeutige Verfechterin von Putzfrauen. Eine geniale Erfindung! Warum sollte man sich hier nicht Entlastung verschaffen, wenn man stattdessen Geld verdient? Hiermit kaufe ich mir schlichtweg Zeit für meine Kinder und meine Beziehung. Klar bleibt auch mit einer Putzfrau noch genug Haushalt übrig, aber es ist eben nicht mehr alles. Hier kann ich auch nur eindeutig dazu plädieren, seine Ansprüche den Umständen anzupassen. Wenn ich nach einem langen Tag nach Hause komme, liegen meine Prioritäten eindeutig bei der Zeit mit meinen Kindern und nicht bei meiner Wäsche. Die läuft nicht weg.
Trotzdem haben es hier Familien, in denen ein Elternteil wenig oder nicht arbeiten geht, wahrscheinlich einfacher. Und manchmal komme ich mir vor wie in einem Hamsterrad, in dem die Hausarbeit einfach nie, nie, nie erledigt ist. Wenn man fertig ist, kann man in der Regel gleich wieder von Vorne anfangen.
Bei uns ist es auch so, dass ich im Haushalt mehr mache, als mein Mann. Woran das liegt? Sicher nicht am alten Rollenbild von Mann und Frau. Sondern vielmehr daran, dass ich eher sehe, was gemacht werden muss und dass ich es dann auch mache. Mein Mann übernimmt aber viele Dinge, wie z.B. Einkaufen gehen und seine Hemden bügeln. Und wenn ich ihm sage, dass der Trockner ausgeräumt werden muss, weil ich dazu gerade einfach zu platt bin, dann macht er das. Insofern beschwere ich mich nicht. Müsste aber vielleicht hier und da noch mehr Unterstützung einfordern…

Zeit mit den Kindern – ausbaubar.
Klar, irgendwie kann man immer mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Allzu oft antworte ich auf die Frage „Spielst du mit mir?“ mit „Nein, geht gerade nicht, ich muss noch eben… machen.“ oder „Gleich, mein Schatz, ich brauch mal eben eine Pause.“
Wir versuchen, insbesondere am Wochenende so viel Zeit wie möglich, mit den Kindern zu verbringen. Und auch nachmittags und abends die Zeit eher mit spielen, basteln und vorlesen zu verbringen, als mit Haushalt oder Emails-Checken. Das kann man noch machen, wenn die Kinder im Bett sind.
Oft stellt sich mir die Frage, wie viel Zeit Kinder mit Ihren Eltern verbringen sollen? Gibt es hier eine allgemein gültige Antwort? Ist es nicht besser 2 Stunden am Abend ganz intensiv mit seinem Nachwuchs zu verbringen, als den ganzen Tag. Und spätestens am Mittag fangen die kleinen an zu nerven und die Frustrationsschwelle sinkt und sinkt?
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich deutlich ausgeglichener bin, wenn ich  ein paar Stunden am Tag ohne die Kinder verbracht habe und etwas für mich gemacht habe, mich persönlich in meiner Arbeit verwirklicht habe. Bevor ich gearbeitet haben, gab es Tage, an denen ich den Schlüssel meine Mannes in der Tür herbeigesehnt habe, nur um ihm die Kinder inden Arm zu drücken, um mal eine halbe Stunde allein zu sein und spazieren zu gehen. So unentspannt war ich…

Die Zeit mit dem Partner.
Das hat sich bei uns sowohl verbessert als auch verschlechtert. Verbessert, weil mein Mann, nachdem unser Sohn da war, einen anderen Job gesucht hat, mit familienfreundlicheren Arbeitszeiten. So kann er meistens zum Abendessen zu Hause sein und auch mal mit einem kranken Kind zu Hause bleiben. Früher habe ich eine kaum einen Abend in der Woche gesehen. Insofern, wie schon oben geschrieben, ist vieles auch abhängig vom Arbeitgeber.
Verschlechtert deshalb, weil wir beide abends meistens einfach zu platt sind, um noch etwas zu unternehmen, selbst wenn wir einen Babysitter rufen könnten. Die Möglichkeiten sind eindeutig da, wir nutzen sie bloß viel zu wenig. Familie und Beruf sind in der Kombination einfach kräftezehrend. Da bleibt man abends lieber auf dem Sofa, als nochmal das Haus zu verlassen für „Quality Partner Time“…

Zeit für mich selbst – eindeutig zu wenig.
„Was ist Wellness für Mütter? Ohne Kinder den Haushalt machen!“ Hahaha…
Aber viele Frauen können das so unterschreiben. Wenn man mal allein zu Hause ist, macht man doch eher Dinge, die erledigt werden müssen, weil es ungestört schneller geht, als sich gemütlich mit einer Maske im Gesicht, einer Tasse Tee auf dem Tisch und einem Buch in der Hand auf’s Sofa zu setzen. Warum eigentlich? Weil wir es nicht mehr gewöhnt sich, uns was zu gönnen. Wir sind so darauf konditioniert, dafür zu sorgen, dass alles läuft, dass wir an uns selbst immer als letztes denken.
Insofern auch hier ein Aufruf, sich die Prioritäten gut zu überlegen. Mal einen Puffer zwischen Feierabend und Kindergartenende nicht für den Einkauf zu nutzen, sondern für eine Auszeit im Café oder ein Telefonat mit der Freundin. Um anschließend deutlich entspannter den Nachwuchs aus der Kita abzuholen.
Ich muss mich auch immer wieder daran erinnern, auch an mich zu denken. Mittlerweile erkenne ich die Hamsterrad-Symptome recht gut und weiß, wann es höchste Zeit ist, für „Quality Me Time“.

Dies ist für mich auch der wichtigste Punkt von allen. Denn nur wenn es mir bei der ganzen Sache gut geht, kann es tatsächlich funktionieren mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Denn wenn ich unter die Räder komme, bricht alles zusammen wie ein Kartenhaus. Dann kann ich keiner Rolle mehr gerecht werden.
Es gibt unzählige Frauen, denen die Situation über den Kopf gewachsen ist. Die sich zu sehr in den Job reingehängt haben und trotzdem zu Hause alles am Laufen halten wollten. Das kann eine Zeit lang gut gehen. Wer aber die Warnsignale des Körpers und der Psyche nicht rechtzeitig erkennt und die Notbremse zieht, ist schnell in der Burnout-Falle.

Mir wäre es vor Weihnachten beinahe so ergangen: extrem stressig im Job, sich beweisen müssen als neue Führungskraft, jede Menge Überstunden… und an Heiligabend habe ich festgestellt, dass die ganze besinnliche Vorweihnachtszeit komplett an mir vorüber gegangen ist. Ich habe keine einzige Weihnachtskarte geschrieben, keine Plätzchen mit den Kindern gebacken und noch nicht mal an eine Tischdeko für das Weihnachtsessen gedacht. Dabei war mir das immer so wichtig. Zum Glück hatte ich dann zwei Wochen Urlaub, in denen ich meine Prioritäten neu geordnet habe. Der Job ist wichtig, ja, aber andere Dinge sind es auch. Und das Gleichgewicht muss stimmen.

Insofern: Vereinbarkeit von Job und Familie? Bei uns ein eindeutiges Jein. Mal besser, mal schlechter. Aber für uns eindeutig der richtige Weg.

Und was immer hilft: Optimistisch bleiben ;o)

Herzlichst,
Eure Andrea

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