Schüchtern sein ist OK.

Immer wieder stelle ich fest, dass man unterschiedliche Kinder nicht mit den gleichen Maßstab messen kann. Das wird mir insbesondere bei meinen beiden Zwergen immer wieder bewusst. Die beiden könnten wirklich nicht unterschiedlicher sein.

Meine Tochter, die jüngere der beiden, steht jetzt schon mit ihren viereinhalb Jahren mit beiden Beinen fest im Leben. Von Schüchternheit keine Spur. Meistens… Ihr großer sechsjähriger Bruder kommt eher nach mir. Zumindest so wie ich als Kind war. Dinge, die für meine Tochter selbstverständlich sind, stellen meinen Sohn vor große Herausforderungen. Erstmal beobachten, Lage checken, und mit ganz vorsichtigen Schritten voran gehen. Oder auch nicht. Eher schüchtern halt.

Ich habe vor kurzem mit einer Freundin darüber gesprochen, die sich sorgt, weil ihr Sohn so seeehr schüchtern ist. Kein Schritt ohne die Mama. Mit Freunden verabreden, Fehlanzeige. Beim Bäcker allein einen Muffin bestellen, undenkbar. Im Kindergarten ist er endlich – kurz vor der Einschulung – angekommen und er geht gerne hin. Lange Zeit war das Gegenteil der Fall. Wie wird das bloß in der Schule?

Man merkt die Sorge der Mutter sehr deutlich. Warum ist er bloß so schüchtern? Wenn es andere Kinder können, dann muss mein Kind das doch auch können, oder? Immer wieder versucht sie, ihn zu ermutigen, selbstbewusster und weniger schüchtern zu sein. Doch in den meisten Fällen „trägt“ sie ihn durch diese für ihn schwierigen Situationen. Ohne die Unterstützung der Mama, wäre jede dieser Situationen für ihn der pure Stress ist. Aber müssen Kinder nicht irgendwann mutig und eigenständig werden? Um aufs Leben vorbereitet zu sein?

Was ist denn nun der richtige Weg? Ihn ins Leben zu schubsen oder mit ihm an der Hand durch den Alltag gehen?

Ich bin kein Erziehungsexperte. Und den einzig richtigen Weg gibt es sicher nicht. Ich kann nur meine eigenen Erfahrungen berichten
:
Zunächst mal zu mir: Als Kind war ich wie gesagt auch schüchtern. Als kleines Kind wollte ich nicht grüßen. In der Schule habe ich mich nicht getraut, mich zu melden. In großen Gruppen habe ich mich unwohl gefühlt. Ich wollte mich zwar trauen, aber das ist gar nicht so einfach. In einem gewohnten Umfeld, in dem alle einen als schüchtern kennen, ist es schwer, diese Schüchternheit einfach abzuwerfen. Mir ist es erst gelungen, als ich schon älter war. Nach der Schule habe ich gejobbt. Keiner dort wusste, ob ich schüchtern bin oder nicht. Hier konnte ich mich mal „ausprobieren“. Und siehe da, die Leute sind mir mit Offenheit begegnet und ich konnte viel besser aus mir herausgehen, als vorher. In dieser Situation habe ich für mich festgestellt, dass es gar nicht so schwer ist, selbstbewusst zu sein. Ich habe für mich beschlossen, in Zukunft nicht mehr so schüchtern zu sein. Und es gelingt mir ganz gut. Heute bin ich auch nicht der mega extrovertierte Typ, aber ich traue mich einfach, den Mund aufzumachen. Trotzdem ist es in manchen Situationen immer noch eine Überwindung für mich, aber ich habe gelernt, damit umzugehen.

Schüchterne Kinder haben aber noch nicht diese Erfahrung. Von ihnen kann man nicht erwarten, dass sie von heute auf morgen ihre Schüchternheit abwerfen. Und wir als Eltern dürfen das auch nicht erwarten. Sie sind nicht mit Absicht schüchtern.

Und wie gehe ich mit meinen Kindern um?
Ich nehme meinen Sohn immer wieder an die Hand, begleite ihn in diesen für ihn unangenehmen Situationen und mache auch für ihn den Mund auf, wenn er es sich nicht traut. Weil ich weiß, dass er höchstwahrscheinlich auch irgendwann mutiger durchs Leben gehen wird. Er braucht dafür aber noch Zeit, die ich ihm gebe.
Ich möchte, dass er die Gewissheit hat, dass ich ihm immer eine Hand hinhalten werde, wenn er sie braucht – nur für alle Fälle. Und ich sage ihm auch, dass es OK ist schüchtern zu sein. Ich war es ja auch.
Trotzdem freue ich mich natürlich, wenn ich sehe, dass er seine Schüchternheit von sich aus überwindet und sich neue Dinge traut.

Schüchternheit wird in unserer Gesellschaft oft als Makel gesehen. Dabei haben schüchterne Kinder ganz besondere Qualitäten: Sie sind meistens empathischer und sensibler. Sie können gut beobachten und zuhören. Sie haben oftmals den Blick für Details.
Hier habe ich mal ein paar Links zusammengestellt, die von Schüchternheit handeln:

Einzigartig-Blog: Wusstet ihr, dass Obama und Merkel als introvertiert gelten?

Mini and me: „Na, du bist aber schüchtern!“ – „Nein, ist sie nicht. Sie redet bloß nicht mit jedem!“

Huffington Post: 9 Dinge die nur schüchterne Menschen verstehen

 

Advertisements

5 Kommentare zu „Schüchtern sein ist OK.

  1. Danke für diesen Beitrag! Es ist sicher schön für dein Kind und jedes Kind, die Unterstützung der Eltern zu spüren, und sicher schöner, als deren Unzufriedenheit zu spüren.

    Gefällt mir

  2. Vielen Dank fürs Verlinken! 🙂 Ich finde, das Händchenhalten ist eine wunderschöne Geste. So geben wir Kindern den Halt, den sie in manchen Situationen brauchen – im übertragenen Sinne und auch tatsächlich.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s